On the Following Essay
This text appears in German by necessity.
It follows the language of the thinkers it engages (Kant, Hegel, Heidegger).
A personal reflection where music and philosophy meet in questions of presence and form.
Its focus is music as being.
Musik als Sprache des Daseins – Anwesenheit
Philosophie lehrt mich, Musik als Sprache des Daseins zu hören; sie reicht über Emotion hinaus. Dieser Gedanke prägt meinen Zugang – als Musiker und als Hörer.
Meine Auseinandersetzung begann mit fünfzehn, als ich Wagners Tristan und Isolde verstehen wollte: musikalisch und existenziell. Diese Erfahrung verwies auf eine Wirklichkeit, die sich der Erklärung entzieht. Aus ihr wuchs die Lektüre: zuerst Platon, dann Kant, später auch Hegel, Wittgenstein und Sartre. Mich interessiert Denken, das aus Musik hervorgeht – als Erfahrung und als Form von Sein.
Gegen das Missverständnis des Ausdrucks
Die Frage nach „Gefühl“ verengt den Blick. Entscheidend ist, wie Musik im eigenen Medium Tiefe erzeugt. Das ließe sich an vielen Stellen zeigen; zwei Beispiele legen es besonders klar an die Hand:
Haydn, Die Schöpfung – „Und es ward Licht“
Die Wirkung entsteht aus musikalischen Mitteln: gespannte Stille vor dem Einsatz, harmonische Vorbereitung, der plötzliche, breit gefächerte Klang in heller Lage. Die Wahrnehmung kippt schlagartig in Weite. Das Beispiel zeigt, wie Form und Zeit eine Erfahrung stiften, die weit über ein etikettiertes Gefühl hinausgeht.
Luigi Nono, Stille – An Diotima
Hier wird die Grenze hörbar, an der Klang fast verstummt. Feindynamische Zeichen, lange Atemräume, das Gleiten der Pausen – Hören selbst nimmt Gestalt an. Das Beispiel zeigt, wie Bedeutung aus Aufmerksamkeit im Klang entsteht, ohne narrative Stütze.
Klang und Gegenwart
Musik erscheint als Moment innerer Wahrheit. Sie erinnert daran, dass ich bin – eine Erfahrung ohne Garantie der Dauer. In diesem Sinn steht sie der Philosophie näher als der Rhetorik. Wie bei Heideggers „Lichtung“ zeigt sich Sein im Klang, ohne verfügbar zu werden.
Materie und Klang – Vom Stoff zum Sein
Philosophisch meint Materie das, was besteht, Raum beansprucht und Grenze bildet. Musikalischer Stoff dagegen erscheint als Zeit. Klang besitzt keine Substanz und trägt doch Form; er wirkt als Gegenwart, fast berührbar.
Beim Musizieren löst sich der Ton aus Holz, Atem, Bogen, Anschlag und wechselt die Seinsweise. Dieser Übergang zeigt sich als existentielle Bewegung. Klang überschreitet die Materie.
Nichts Festes – Musik als Verschwinden
Musik besitzt keine bleibende Gestalt, keinen sicheren Ort. Was erscheint, steht bereits im Entzug. Der Klang entzieht sich Festhaltung, Wiederholung und Rekonstruktion; deshalb bleibt die Rede von „historischer Aufführungspraxis“ paradox.
Auch die Partitur ist kein geschlossener Text. Sie öffnet ein Feld von Möglichkeiten und lädt zur Deutung ein. Ein Werk wie Wozzeck aktualisiert sich: heute eine Aussage, morgen eine andere – die Noten bleiben, das Jetzt wechselt. Musik erzeugt Gegenwart.
Gegenwart und Haltung
In einer Welt permanenter Mitteilung zeigt Musik Sinn als Anwesenheit. Eine Reduktion auf Emotion verfehlt ihre Tiefe; hier meldet sich Dasein.
Meine Haltung zielt darauf, dieser Dimension Raum zu geben: Präsenz ermöglichen, Übergänge hörbar machen, Stille tragen. Etwas geschieht, größer als der Einzelne, womöglich ohne Namen. Denken findet hier keinen Abschluss; die Frage bleibt lebendig und trägt.
